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Texte zur Logotherapie

Hier können Sie in loser Folge Ausschnitte aus Büchern oder Vorträgen lesen.
Schauen Sie rein und lassen Sie sich von den Gedanken anderer anregen für Ihr eigenes Welt- und Lebensbild.

Beitrag des SWR zur Logotherapie HIER KLICKEN
Hier können Sie Viktor E. Frankl im Original hören.

Was Viktor E. Frankl zum Gewissen sagt:
Das Gewissen gehört zu den spezifisch menschlichen Phänomenen. Es ließe sich definieren als die intuitive Fähigkeit, den einmaligen und ein-zigartigen Sinn, der in jeder Situation verborgen ist, aufzuspüren. Mit einem Wort, das Gewissen ist ein Sinn-Organ.
Aber es ist nicht nur menschlich, sondern auch allzumenschlich, so zwar, dass es an der condition humaine teilhat und deren Signatur, der Endlichkeit, unterworfen ist. Das Gewissen kann den Menschen ja auch irreführen. Mehr noch: bis zum letzten Augenblick, bis zum letzten Atemzug weiß der Mensch nicht, ob er wirklich den Sinn seines Lebens erfüllt oder nicht vielmehr sich nur getäuscht hat: ignoramus et ignorabimus.
Seit Peter Wust gehören aber "Ungewissheit und Wagnis" zueinander, und - mag das Gewissen auch noch sosehr den Menschen im Ungewissen lassen hinsichtlich der Frage, ob er den Sinn seines Lebens überhaupt gefunden, erfasst und ergriffen hat - solche "Ungewissheit" enthebt ihn nicht des "Wagnisses", seinem Gewissen zu gehorchen bzw. zunächst einmal auf dessen Stimme zu horchen.
Zu jener "Ungewissheit" gehört aber nicht nur dieses "Wagnis", sondern auch die Demut. Dass wir nicht einmal auf unserem Sterbebett wissen werden, ob das Sinn-Organ, unser Gewissen, nicht am Ende einer Sinn-Täuschung unterlegen ist, bedeutet auch schon, dass das Gewissen des andern Recht gehabt haben mag. Demut bedeutet also Toleranz; aber Toleranz bedeutet nicht Indifferenz; denn den Glauben des Andersgläubigen respektieren heißt noch lange nicht, sich mit dem anderen Glauben identifizieren.
Frankl, Ärztliche Seelsorge, München 1987, 76f